Aus dem FF

ÜBER FERDINAND FRIEDLOSBildnis des Autors als alter Zausel

“O brave neue Welt, die solche Einwohner hat!”
William Shakespeare, >Der Sturm< (Wielandsche Übersetzung)

 

Friedlos, der verkannte, verkantete und kantige Dichter, dem schon so mancher die Kanten schneiden wollte (so zum Beispiel ein gewisser Kant aus Kanten- nein: Königsberg), um dabei seinen Kantenschneider einzubüßen, über sich:

Ich war, ich bin, ich werde sein:
Rechtsver- und Pillendreher, Gold- und Geldwäscher, Stuhlsäger, Elch- und Phrasenjäger, Teppich- und Fuselhändler, Trinkwasserinspektor, Bart-, Sänften- und Verantwortungsträger, Schafscherer und Wegzehrer, Zeitstehler und Kartoffelschäler, Krötenschänder und Schirmständer, Email-Versender und Zahnstocherspender, Schlittenfahrer und Weltbewahrer, Oberleutnant und Oberkellner, Unkrautjäter und Ziegenpeter, Küchenschaber und Rabenvater, Schadensgutachter und Froschschlachter, Plattenwender und Rechtshänder, Kolonnadenflanierer und Feld-, Wald- und Wiesenplanierer, Buchbinder und Eselschinder, treuer Katholik und Verehrer der Bukolik, monarchistischer Anarch und reagierender Reaktionär, Posaunist und Fetischist, Trübfischer und Protestzischer, alter Schwede und junger Däne, Hopfenanbauer und Pflichtkalauer, Pragmatiker und Asthmatiker, gewaltiger Ästhet und gescheiterter Poet, Ent- und Behaupter, Wegelagerer und Lebenshaderer, Unpaarhufer und Unkenrufer, freier Radikaler und Genremaler, guter Heinrich und leicht entbehrlich, Landvermesser und Birnenesser, Hintersasse und kritische Masse, Augendorn und Bockshorn, Anti-Platoniker und Grenzironiker, Freigänger und Bänkelsänger.

Ich führe den nur von der Zotenburger Universität verliehenen akademischen Titel FAQ (Frequently Asked Quarreler) und bin Träger des Hosenlatzordens am roten Gängelband.

Wohnhaft: Zwischen allen Stühlen, gelegen an der Bitteren Neige im Lande der Dichter und Henker.

Ich liebe Katzen und zwar bevorzugt zusammen mit einem schlotzigen Risotto und gedünstetem Fenchelgemüse.

Und ich bin ein Mann, mit dem man Pferde stehlen kann, wobei ich mich allerdings in der Regel hinterher mit der Beute alleine zum nächsten Pferdeschlachter davon mache.

 

Anekdotisches:

Friedlos, so erzählt man sich, sprach im Alltag fränkischen Dialekt, verstand ihn jedoch nicht.

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Als man Friedlos eines Tages Karten für eine vielgepriesene Inszenierung von >Warten auf Godot< anbot, lehnte er dankend ab, denn er war dem Handelsvertreter Karl Heinrich Godot nach eigenen Aussagen Jahre zuvor an einer Zotenburger Straßenbahnhaltestelle begegnet, und er hatte gut in Erinnerung behalten, dass das Warten auf die Straßenbahn spannender und erfüllender gewesen war, als das zeitgleiche langsam dahinplätschernde Gespräch mit dem inzwischen (unverdienterweise, wie Friedlos meinte) so bekannt gewordenen Handelsvertreter.

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Friedlos sehnte für sich selber stets ein exzeptionelles Ende herbei, etwa indem er beim Versuch, den Ausführungen eines Züricher Fremdenführers zu folgen, im schweizerischen Wörterbuch blätternd aus Unachtsamkeit vor eine herannahende Trambahn stolpern würde. Oder aber indem er in der Gosse vor einer Kneipe in Toulouse an einer Absinthvergiftung verenden würde. Denkbar wäre es seiner Phantasie nach auch, dass ihm in einem unpassenden Moment, etwa beim Zubinden der Schuhe, der Kopf abfallen würde. Schließlich entschied er sich aber im Geiste dafür, in einen durch einen technischen Defekt im 13. Stockwerk offenstehenden Fahrstuhlschacht zu stolpern, da ihm, dem geschulten Stochastiker, zum einen die Unwahrscheinlichkeit eines solchen Endes reizvoll - ja geradezu elitär - erschien, er andererseits aber auch den symbolischen, die moderne Technik bloßstellenden Gehalt eines solchen Todes vor Augen hatte. Wir wissen aber: es kam anders.

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Friedlos wurde eines Tages dabei überrascht, wie er in der Herrentoilette seines Arbeitgebers in ein geradezu kafkaeskes Dilemma geriet, als er sich, nach erfolgter Erleichterung, die Hände pflichtgemäß wusch und dabei mit anfänglichem Erschrecken wahrnahm, dass er jedesmal, wenn er mit seinen nassen Händen vom Waschbecken zum an der Wand angebrachten Papierhandtuchspender griff, den Boden der Toilette mit Wasserflecken verunzierte. Der streng nach mitteleuropäischen Hygienevorstellungen erzogene Friedlos wischte zwar die Tropfen auf dem - dank geradezu göttlicher, oder zumindest bürokratischer Vernunft - gekachelten Boden mit Leichtigkeit wieder weg, verspürte aber auch sogleich den Zwang, sich nun, nach der Berührung mit dem vermutlich unreinen Boden wiederum die Hände zu waschen, wobei dann der anschließende Griff zu den Papierhandtüchern unweigerlich die Wasserflecken auf dem Boden erneuerte. Dieser circulus vitiosus, ausgeheckt von welchem Teufelchen auch immer - theologische Dimensionen nahm selbst Friedlos in dieser Situation, zumindest solange er in ihr gefangen, nicht wahr -, hätte sich vermutlich bis in alle Ewigkeit, also nur unterbrochen durch den Alles und Jeden erlösenden Jüngsten Tag, fortgesetzt, wären nicht  - gesteuert durch zugleich einfache wie auch zutiefst komplexe ökonomische Gesetzmäßigkeiten (die internationale Entwicklung der Papierpreise, zunehmende Marktkonzentrationen bei den Lieferanten und Herstellern von Papierhandtüchern, der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Papierhandtuchauslieferungsfahrer etc., etc.) - die Tücher in dem aus seelenlosen und damit selbstlosen Plastik erschaffenen, aber dennoch bis zur Erschöpfung großzügigen Spender an der Wand zur Neige gegangen. Wer nun aber glaubt, Friedlos sei durch diese wahrhaft sisyphoshafte Situation, die geeignet schien, einen neuen, modernen Mythos zu begründen, verzweifelt, der irrt sich. Die Kollegen, die ihn auf der unverschlossenen Toilette entdeckten, fanden ihn friedlich auf der Schüssel dösend vor, denn diesem modernen homerischen Helden trübt die stillschweigend sich verbündende Allgewalt der mythischen und technischen Kräfte des Alltags nicht die Wässerchen der Seele - zumindest nicht dauerhaft. Vor solcher Liquidtrübung bewahrte ihn schlicht auch die Weisheit, die er, nur körperlich, nicht geistig, auf der Schüssel dösend, aus seinem Erlebnis zog: “Die moderne Technik erweckt den Mythos erneut, um ihn dann triumphierend zu überwinden (oder durch zur Neige gehende Papiertaschentücher auszuhungern). Der Mythos war stets schon Technik und Technik schlägt stets um in den Mythos. Beide sind eins und tanzen einen ewigen solipsistischen Tanz um das Objekt ihres Hohns, den Menschen in seiner würfelhaften Geworfenheit.” (F. Friedlos, >Die Dialektik der Technik<, Diss. eingereicht bei Prof. Dr. Leo Flappsiger, Univ. Zotenburg, 1999, S. 348)

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Friedlos, der die Phrase fast so wie den Hausmeister hasste, widersprach stets heftigst, wenn jemand aus bequemen Sprachkonformismus heraus wagte zu behaupten, ein Indianer kenne keinen Schmerz. Friedlos verwies dann immer auf seine Zeit an der Universität Zotenburg, wo damals im achten Stock des Studentenwohnheims der indianische Austauschstudent Tukanmichmal (auf deutsch etwa “Elch, der nicht arbeitet”) Tür an Tür mit dem BWL-Studenten August Schmerz lebte. Die beiden waren mehrere Semester lang auch eng befreundet, bis Schmerz dem Komantschen dessen Flamme, die gutaussehende Bäckereifachverkäuferin Irmgard Fischtrüb ausspannte. Danach verkündete Tukanmichmal mehrmals öffentlich und mit großem Pathos, er kenne nun keinen Schmerz mehr, was, so Friedlos, wohl den historischen Ursprung der von Friedlos so leidenschaftlich bekämpften Legende begründete.

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Friedlos war als ein wahrer, die Dinge lediglich registrierender, aber nicht verurteilender Stoizist bekannt, wenn es darum ging, die großen Fährnisse unserer Gegenwart zu ertragen, etwa die steigenden Preise der öffentlichen Nahverkehrsmittel oder die seinen weit zurückreichenden Aufzeichnungen nach zunehmenden und auch - bedingt durch die große Auswahl an Hundefuttermarken - farblich immer stärker variierenden Hundehaufen auf jenen Gehwegen, die er nun einmal durch Maßgaben, die er nicht aufgestellt hatte, gezwungen war, zu begehen. Kleinere, eigentlich schon nichtig zu nennende Anlässe hingegen, brachten den verhaltenen Choleriker, der er in seinem innersten, schöpferischen und zunehmend erschöpften Kern war, für alle ersichtlich zu Tage. So konnte etwa die Entdeckung eines verschimmelten fettarmen Joghurts im gemeinschaftlich zu nutzenden Kühlschrank des Pausenraums seines Arbeitgebers, welches Milchprodukt wohl einer jener mit gedankenloser, von Friedlos heimlich geneideter Leichtigkeit in den Tag hineinlebenden Kollegen völlig vergessen hatte, in Friedlos wahre Berserkerströme an Wutwallungen erwecken. Diese Wallungen brachen aus ihm heraus, indem er zum Beispiel den Toilettendeckel aufgeklappt lies, oder indem er den Kopierer auf dem Flur, unter dem Vorwand, Strom sparen zu wollen, ausschaltete, oder indem er die Kakteen auf dem Bürofensterbrett des schuldig gewordenen Kollegen, während dieser, nichts ahnend von seinem schwer verbeulten Karma und dem daraus resultierenden Strafgericht, in der Mittagspause weilte, von der Sonne wegdrehte. So erschien Friedlos als ein auf die heutigen bürgerlichen Maßstäbe zurückgestutzter Odysseus, der heimkehrend die Freier seiner Frau oder die Kakteen seiner Kollegen meuchelte, und so den Willen jener schicksalswebenden und rachedürstenden Götter, deren gehaltsempfangender Spielball er selber doch war, Bahn brach.

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Friedlos soll in jungen Jahren ein Faible für den Existentialismus gehegt haben, holte sich aber - halsstarrig gegen das Sein, wie er nun einmal war - von den für Anhänger dieser Philosophie obligatorischen Rollkragenpullovern regelmäßig lästige Hautausschläge am Hals, weswegen er den Rollkragenpullover und Sartre bald wieder ablegte und gegen Hemden mit ausreichend weitem Kragen und Schopenhauer eintauschte.

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Friedlos war, was sowohl in der Literatur- wie auch in der Pop-Geschichte kaum bekannt ist, zur selben Zeit im selben indischen Ashram zugegen, in welchem auch die Beatles seinerzeit ihren Seelenhaushalt auf- und vermöbeln wollten. Im kleinen Kreis erzählte er dann Jahre später gerne, wie er mit seinem Auftreten und seiner aufgeräumten und relativ gut möblierten Seele die Musik-Stars zu neuen Werken inspiriert hatte. So kam er eines Morgens in die Gemeinschaftsküche, wo Paul offensichtlich übel gelaunt am Frühstückstisch hockte und ihn sogleich mit der Frage konfrontierte, wann er, Friedlos, der ja diese Woche Küchendienst hatte, denn den Müll zuletzt entsorgt habe. “Yesterday”, antwortete der polyglotte Friedlos und über Paul kam sichtlich die Erleuchtung, weswegen Friedlos auch gleich die Küchenlampe, um Strom zu sparen, ausschaltete. Wochen später erlaubte sich Friedlos beim gemeinsamen Abendessen John zu fragen, ob dieser ihm nicht den Senf reichen könne, was der in einer Schaffenskrise befindliche Barde nur mit einer schnotterigen Grimasse beantwortete. “Dann lass es halt sein!”, reagierte Friedlos sogleich und übersetzte zur Sicherheit noch: “Let it be!”, woraufhin Paul aus der Küche in sein Musikzimmer stürmte und sofort zu komponieren begann. Diese beeindruckende Geschichte über den Ausflug des notorisch unmusikalischen Literaten Friedlos in die Welt der Pop-Musik drang freilich zu dessen Lebzeiten nie über die engen privaten Kreise, die Friedlos wie ein Stein, der ins Wasser fällt, um sich gezogen hatte, denn kurze Zeit nach ihrer Rückkehr aus Indien hatten die langhaarigen Musikheroen ihre Anwälte erfolgreich damit betraut, Friedlos unter Androhung hoher Klagegelder zu absolutem Stillschweigen über diese Vorkommnisse zu verpflichten. Charakteristisch ist im Übrigen, dass Friedlos erst jetzt, zurückgekehrt ins heimatliche Franken, durch die englischen Anwälte erfuhr, mit welchen Berühmtheiten er es hier zu tun bekommen hatte, was er, so wird berichtet, nur mit einem Achselzucken quittierte.

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Friedlos, der in den Büchern das zu suchen pflegte, was ihm vom Leben verweigert wurde, stieß in einem Antiquariat auf eine Übersetzung des japanischen Klassikers “Hagakure.” Angetan von diesen stoizistisch-kriegerischen Weisheiten aus dem 18. Jahrhundert beschloß er, die Blätter beiseite zu schieben und den dahinter verborgenen Weg des Samurai ein Stück weit schlendernd zu folgen. Er nahm seinen Jahresurlaub und ein Flugzeug nach Japan, wo er, stets auf Authentizität bedacht, ein echtes Samuraischwert erwerben wollte. Nach einiger Suche fand er in einem Randbezirk Tokios tatsächlich einen alten Schwertschmied, der ihm eines dieser kunstvoll aus mehrfach gefalteten Stahl gefertigten Kriegswerkzeuge verkaufte - nicht ohne Friedlos vorher zu einem vorsichtigen Umgang mit der Waffe zu ermahnen. Doch bereits in der abendlichen U-Bahn, die Friedlos zu seinem zentral gelegenen Touristenhotel zurückbrachte, packte ihn die Neugier und mit der Ehrfurcht, mit der er, der hommes de lettres ein neues Buch das erste Mal aufzuschlagen pflegte, versuchte er das Schwert aus seiner Scheide zu ziehen, um die glänzend blaue Klinge zu betrachten. Doch der Widerstand des Objekts, der sich nachträglich als Tücke des selben offenbarte, war stärker, als Friedlos vermutet hatte. Das Schwert klemmte regelrecht in seiner ledernen Schutzhülle und erst ein heftiger, ruckartiger - ein zu heftiger, ein zu ruckartiger - Zug am Griff des Schwertes befreite dieses, nun aber mit weit ausholendem Schwung, so dass Friedlos unbeabsichtigt drei der neben ihm in der eng besetzten Pendlerbahn sitzenden Passagiere enthauptete. Erschrocken und mit weit aufgerissenen Augen starrte Friedlos auf die unter die Sitze kullernden Häupter, deren letzte Blicke auf die an der Unterseite der Sitze klebenden Kaugummis und Zigarettenkippen fielen, bevor sich ihre Augen mit einem empörten Ausdruck, der wohl eher auf der Wahrnehmung dieses Unrats in einem öffentlichen Verkehrsmittel als auf einem echten Begriff ihrer Situation gründete, für immer schlossen. Friedlos aber kam in jenem Augenblick wieder zu sich als die U-Bahn gerade ihre Türen an einer ihrer vielen Stationen öffnete und so nutzte er die Gelegenheit, lies das unglückselige und blutige Schwert - Ausgeburt einer kriegerischen Kultur und Technik - fallen und tauchte in der Menge an der Bahnstation unter, sich seiner Verantwortung und zugleich dem Weg des Samurai entziehend. Noch in der selben Stunde ergatterte er einen Sitz für einen Rückflug in sein heimatliches Franken (es gab zu diesem Zeitpunkt einen regelmäßig verkehrenden Direktflug zwischen Zotenburg und Tokio, der aber inzwischen eingestellt wurde) und nachdem er sich erleichtert hinter der Bordzeitung vor eventuell fragenden, bohrenden oder gar schneidenden Blicken verborgen hatte, las er zu seiner Überraschung, dass Unfälle, wie sie ihm (nicht zu vergessen: den Enthaupteten) eben zugestoßen waren, in den japanischen Massenverkehrsmitteln fast schon an der Tagesordnung sind und von der japanischen Justiz, welche den kulturellen Traditionen Nippons keine Steine oder gar Gesetzesbücher in den Weg legen möchte, auch lediglich als eine bußgeldbewährte Ordnungswidrigkeit betrachtet werden. Diese gute Nachricht sollte seine Fassung und das darin eingeschraubte Gewissen endgültig wieder ins Lot bringen, so dass er später ohne Reue auf sein japanisches Abenteuer zurückblicken konnte, ja gerne auch davon erzählte.

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Friedlos soll als Kind blond gewesen sein, doch durch den regelmäßigen Konsum von Rote-Bete-Saft wurde sein Haar mit der Zeit dunkelbraun.

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Friedlos war oft so im Gedanken, dass er völlig vergaß, dass er gleichzeitig auch im Städtchen Zotenburg weilte. Und wenn er dann den niemals roten, jedoch splissigen und alles andere als reißfesten Faden seiner Gedanken verlor, dann schreckte er, mitten auf einem öffentlichen Platze oder auch in einer der vielen idyllischen Seitengäßchen der fränkischen Stadt, laut schreiend auf. Nur ein Satz zielgerichteter und heftiger Watschen vermochte ihn in solchen Momenten wieder zur ortsgerechten Besinnung zu bringen und mit der Zeit bildete sich eine regelrechte Gilde von Friedlosschen Watschenbeauftragten, deren nahezu gleichmäßig über das ganze Stadtgebiet verteilten Mitglieder dazu autorisiert waren, dem Dichter in seiner fallweisen geistigen Not bei Bedarf rasch und unverzagt Abhilfe und rote Wangen zu verschaffen.

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Friedlos, der gerne dazu neigte, ins mythisch-märchenhafte abzugleiten, beging einst den Fehler, während der Mittagspause im Büro gedankenlos den mitgebrachten Apfel an seiner Jeanshose sauber zu reiben. So geschah es, dass durch ein unglückliches Zusammenspiel von niedrigen Umweltstandards in zwei verschiedenen und weit voneinander entfernten, jedoch gemeinsam von der Globalisierung beglückten Landstrichen die Pestizidreste auf der Schale seines Apfels mit den Färbemitteln in seiner Jeans spontan eine gefährliche chemische Verbindung eingingen, durch deren Genuss Friedlos umgehend das Bewußtsein verlor und wie tot vom Bürostuhl zum Fussboden glitt, während ihm noch ein Bissen des ansonsten köstlichen Apfels im Halse steckte. Die Kollegen, welche die theatralischen Eskapaden, zu denen Friedlos neigte, gewohnt waren, legten seinen schneeweiß erbleichten Körper erst einmal in ein ausrangiertes Großraumaquarium und beschlossen dann, erst am nächsten Arbeitstag zu beschließen, wie nun weiter vorzugehen sei.
Nun begab es sich aber, dass die Reinemachefrau Hannelore Munterbutz in den nunmehr verlassenen und abgedunkelten Büroräumen ihr abendliches Tagwerk verrichten wollte, wobei sie auf Friedlos in seinem Glassarg stieß. Hannelore, die zu Friedlos, seit sie ihm zum ersten mal begegnet war, eine unausgesprochene, dafür aber um so tiefere Zuneigung empfand, entschied sich, die Gelegenheit und Friedlos beim Schopfe zu packen und hauchte ihm einen für ihr sprödes Wesen erstaunlich zarten Kuss auf die erbleichten und schon relativ kalten Lippen, während sie sich, von Erinnerungsschemen an die Märchenwelt ihrer frühen Kindheit durchdrungen, über seinen eingeglasten Leib beugte. Dabei mussten Dämpfe der starken, nur professioneller Anwendung zugänglichen Putzmittel, die Hannelore einsetzte, aus ihrer Arbeitskleidung ausgetreten sein, um mit den im Apfelstückchen im Halse des Friedlos gebundenen Giftresten zu reagieren, so dass eine riechsalzähnliche Substanz entstand, deren beissender Geruch die nun doch stärker als erwartet ausgebildeten Friedlosschen Lebensgeister wieder erweckte. So aus dem Glück des Nirwana gerissen, fand sich Friedlos in einer unfreiwilligen Vereinigung mit Hannelore wieder, deren Interesse er zwar von Anfang an bemerkt, aber ebenso von Anfang an deutlichst ignoriert hatte. Er sprang mit bei ihm zuvor nie beobachteten Elan aus dem Glassarg und rannte schreiend durch die leeren und dunklen Gänge der Halsap & Schneider AG davon, sein Heil in der Flucht suchend. Dies war die Geschichte von dem Tag, an welchem Friedlos in bemerkenswerter Weise dem Tod und der Ehe zugleich entronnen war.

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Charakteristisch für die Physiognomie von Friedlos war ein stets leicht nach links geneigtes Haupt, eine Eigenart, die ihn in der Wahrnehmung seiner Mitmenschen stets als gedankenvertieft, ja gedankenversunken erscheinen liess. Die wirkliche Ursache für dieses körperliche Schibboleth des Friedlos ist jedoch in den Proportionen seiner Ohren zu suchen, war doch sein linkes Ohr schlicht etwas größer und damit auch schwerer als sein rechtes Gehörorgan, so dass die Neigung seines Kopfes eher der planetarischen Schwerkraft als seiner universellen Neigung zum Denken folgte.

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Friedlos siezte sich selber bis zu seinem dreissigsten Geburtstag, bot sich dann aber, in einer heiteren Bierlaune, selber das Du an. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er ein derart distanziertes Verhältnis sich selber gegenüber, dass er häufig morgens in einem anderen Raum erwachte als er selber.

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Friedlos, dem das Leben unter seiner widerborstigen Schale schon vor langer Zeit das Herz gebrochen hatte, sah sich genötigt, sich von den Ärzten einen Herzschrittmacher implantieren zu lassen. Bedingt durch den Kostensenkungsdruck im Gesundheitswesen entschieden sich die Internisten beherzt für ein Modell aus Osteuropa - hergestellt von der selben Firma, die auch die Schaltzentrale für ein später zur traurigen Berühmtheit gelangtes Kernkraftwerk in der Ukraine geliefert hatte. Dieser Typ zeichnete sich nicht nur durch die Möglichkeit aus, seine Batterien durch eine Handkurbel rasch und unkompliziert wieder aufzuladen, sondern er bot als Alternative zu den teueren elektronischen Steuermodulen der westlichen Hersteller auch eine Möglichkeit der mechanischen Regulierung der Herzfrequenz, nämlich durch ein kleines Rädchen, welches von den Chirurgen bei der Implantierung des Modells zwischen den Schulterblättern des Patienten eingebaut wurde. Dort störte es zwar nicht im Alltag, war aber leider auch nicht sonderlich bequem zu erreichen, weshalb sich Friedlos häufig gezwungen sah, nach anstrengenden Fußmärschen durch Zotenburg und seiner idyllischen Umgebung den nächstbesten Passanten anzuhalten und diesen zu bitten, durch abwechselndes auf- und abwärtsdrehen des Steuerrädchens auf seinem Rücken die jeweils der Situation angemessene ideale Herzfrequenz zu ermitteln und einzustellen. Auf diese freilich sehr mechanische Art und Weise wurde der doch eher etwas isolierte Friedlos doch noch zur Herzensangelegenheit seiner Heimatstadt, bzw. dieser fränkischen Metropole und ihren bodenständigen Bewohnern war es vorbehalten, dem verstockten Dichter Friedlos das Herz zur rühren.

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Friedlos soll, wann immer ihn einer seiner entfernten Bekannten mit der überraschten Feststellung begrüßte, dass er gerade an ihn gedacht habe, geantwortet haben: “Tut mir Leid für Sie.”

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Friedlos soll es einst unterfahren sein, dass er den Personalsachbearbeiter Wollmernet enthauptete, indem der empörte Friedlos durch das heftige und wutentbrannte Öffnen der Bürotür Wollmernets einen solchen Luftzug entfachte, dass sein mit sauberer Handschrift ausgefülltes und auf hochwertigem Papier gedrucktes Urlaubsantragsformular, welches Wollmernet eben abschlägig beschieden hatte, erfasst wurde und dem phlegmatischen Wollmernet mit sauberen Streich den Kopf abtrennte. Nach diesem Vorfall, so wird in der Halsap & Schneider AG noch heute erzählt, wurden die Friedlosschen Urlaubsanträge von Wollmernets diversen Amtsnachfolgern nie wieder abgelehnt.

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Friedlos stieß einst beim Stöbern in alten Familienakten auf seinen Vorfahren, den Schreinermeister Franz Friedlos. Dabei erfuhr er, dass seine Familie bis in die 1970er Jahre in Zotenburg das freilich nur nebenberuflich ausgeübte Amt des Scharfrichters erblich besetzt hielt. Franz Friedlos, so wurde in den alten Akten eindringlich beschrieben, vollstreckte die Todesurteile des Zotenburger Hoch- und Stadtgerichts, indem er die Delinquenten mit der Säge, also einem ihm vertrauten Werkzeug, enthauptete. Um die Exekutionen reibungslos und ohne überflüssige emotionale Wallungen durchführen zu können, wurde den Delinquenten in der Regel das gegen sie erfolgte Urteil vorher nicht mitgeteilt – ja: häufig wussten die Delinquenten nicht einmal, dass gegen sie ein gerichtliches Verfahren im Gange war. Die Vollstreckung lief dann so ab, dass der Schreinermeister Friedlos sich nachts Zugang zu den Wohnräumen der Delinquenten verschaffte, um ihnen im Schlafe den Kopf abzusägen. Das Urteil (einschließlich einer ausführlichen, juristisch stets stichhaltigen Begründung und der detaillierten Rechnung über die Vollstreckungskosten) hinterlegte  Friedlos anschließend auf dem Nachttischchen der  Delinquenten, wo sie es dann am nächsten Morgen, wenn sie erwachten, vorfanden. Sie waren dann zwar stets überrascht, Objekt juristischer Ermittlungen und Maßgaben geworden zu sein, beruhigten sich aber nach der Lektüre des Schriftstücks, indem sie sich die Zuverlässigkeit und Honorigkeit der Zotenburger Justizbehörden in Erinnerung riefen. Alternativ vollstreckte Friedlos die Urteile auch gerne, indem er vorgab, im Treppenhaus oder im Hauseingang der Delinquenten dringende Reparaturarbeiten durchführen zu müssen. Lief der Delinquent schließlich nichts ahnend an der zum Zwecke der Camouflage errichteten Baustelle vorbei, so forderte Schreinermeister Friedlos ihn auf, doch bitte kurz dieses Brett oder jenen Balken zu halten, bis diese durchgesägt seien, ein Anliegen, welchem die für ihre Hilfsbereitschaft gerühmten Zotenburger Bürger stets nachkamen. Kaum war der Delinquent mit der Fixierung des Baumaterials beschäftigt und somit abgelenkt, sägte ihm Franz Friedlos den Kopf ab und übergab anschließend noch ordnungsgemäß Urteil, Urteilsbegründung und die, ob seiner Auslagen und Selbstkosten unvermeidliche, aber, wie die Akten bekunden, durchgehend angemessene Rechnung. Weitere Nachforschungen zeigten aber auch, wie Franz Friedlos sein Amt verlor: Als in Zotenburg die Parkvergehen überhand nahmen, ordnete die Stadtverwaltung die Ausdehnung der Todesstrafe auch auf diese Ordnungswidrigkeit aus und in besonders schweren Fällen sollte der Delinquent nicht nur enthauptet, sondern vorher auch gehängt werden. Nun geschah es aber wiederholt, dass Franz Friedlos, gestresst durch die Doppelbelastung in seinen beiden Berufen, die Delinquenten zuerst enthauptete, was es nun unmöglich machte, sie anschließend auch noch zu hängen. Solche Fehlleistungen konnte die stets korrekt und äußerst effizient arbeitende Stadtverwaltung von Zotenburg nicht hinnehmen, denn auch für Scharfrichter gibt es schließlich Richtlinien. Der redliche Franz Friedlos mußte daher sein ehrenvolles Amt niederlegen. Die Stadtverwaltung vergab das vakante Amt nach einer internationalen Ausschreibung an ein großes Sterbehilfeunternehmen, welches seinen Sitz in der Schweiz hatte und der zerknirschte Friedlos musste sich wieder mit dem Zersägen von Balken und Brettern begnügen.

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Friedlos soll für den Fall seines plötzlichen Ablebens stets einen an den Leichenwäscher gerichteten Zettel bei sich getragen haben, auf welchem zu lesen stand, dass er lediglich schliefe und dass man ihn nicht vor 07:00 Uhr morgens wecken solle. Zum Frühstück forderte er dann noch ein Croissant und eine Tasse schwarzen Kaffee.

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Friedlos soll von seinem Geburtstag stets als von einem großen Unglück für die Menschheit und einem noch größeren Unglück für sich selber gesprochen haben.

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Friedlos, der sein cholerisches Talent für sich selber nicht zu nutzen wusste und gegenüber seinem Umfeld eher verborgen hielt, soll in einem bekannten Film über die letzen Tage im Führerbunker den Schauspieler, dessen Aufgabe es war, Hitler darzustellen, “gecoacht” haben, so dass dieser Mime die Wutausbrüche dieses leidenschaftlichen Politikers äußerst authentisch vor der Kamera darzustellen vermochte.

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Friedlos trat in seiner eher orientierungslosen als abenteuerlustigen Jugend der Fremdenlegion bei, wurde dort aber als derart befremdlich empfunden, dass er nach wenigen Wochen wieder ausgeschlossen wurde.

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Friedlos vermied es nach Möglichkeit, lebende Schriftsteller zu lesen. Nicht nur, dass er der wortreich verpackten Obszönität der in ihrer Grundstimmung lustlos-pornographischen Moderne insgesamt abhold war: Er hatte auch aus seiner Jugend schmerzhaft in Erinnerung behalten, dass der große Ire Samuel Beckett nur wenige Tage, nachdem er, Friedlos, begonnen hatte, seine Bücher zu verschlingen, verstorben war, und wenn auch ein kausaler Zusammenhang zwischen der neugierig-unschuldigen Lektüre enigmatisch-öder und darin zugleich sehr schöner Bücher und dem Tod ihres Autors nicht ergründbar war, so wollte Friedlos doch nicht das Risiko eingehen, seine Hände mit dem Blut weiterer bedeutender oder, was wahrscheinlicher gewesen wäre: unbedeutender Dichter zu beflecken.

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Friedlos soll Heidegger sehr geschätzt haben. “Sein und Zeit” lag stets auf seinem Nachttischchen bereit, nämlich als bevorzugte Fliegenklatsche zur Abwehr nächtlicher Schnakenangriffe. So ergriff Friedlos in den lauen Sommernächten seines Daseins entschlossen den Heidegger und zugleich das Sein, um den Stechmücken ihre existentielle Zeitlichkeit zu vergegenwärtigen.

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Friedlos betrachtete als das einzige ihm angemessene, weil ihm in seinem innersten Wesen sehr ähnliche Haustier den Grottenolm (Proteus anguinus), das zahnlose, lichtscheue “Menschenfischlein”, von dem er stets einige Exemplare in seinem finsteren und kalten, artgerecht überfluteten Keller hielt und deren Gesellschaft er gerne für einige Stunden des Tages der der Menschen vorzog.

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Friedlos, der zu Lebzeiten ein leidenschaftlicher, ja geradezu maßloser Kaffeetrinker gewesen war, wurde zu Grabe getragen, indem die wenigen Trauergäste nicht etwa eine Handvoll Erde in das Grab warfen, sondern vielmehr eine Handvoll Kaffeesatz. Diese Geste, so meinten alle, die Friedlos gekannt hatten, hätte dem verschrobenen Dichter Genugtuung bereitet.

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Friedlos stellte einst mit zunehmenden Erstaunen fest, dass sich seine männlichen Kollegen in der Halsap & Schneider AG einer nach dem anderen einen Vollbart wachsen ließen. Nicht nur, dass für ihn, dem leidenschaftlichen Schopenhauer-Leser, der männliche Bart das einzige Gewächs darstellte, welches in ihm Widerwillen, ja geradezu Abscheu erweckte. Vielmehr schien es, als würden die Bärte seiner Kollegen um ihn, Friedlos, eine sich mehr und mehr schließende Hecke bilden, so dass er, der ja ohnehin eine eher isolierte Position unter seinen Kollegen einnahm, sich am Ende, wie weiland Dornröschen, von einer undurchdringlichen Wand, nicht aus duftenden Rosen, sondern aus muffigen Männerhaaren umringt, wiederfinden würde. Die Klimax dieser haarigen Angelegenheit ereignete sich aber, als Friedlos eines Morgens, als er das Bürogebäude der Halsap & Schneider AG betrat, um durch das Treppenhaus hinauf in den siebten Stock zu gelangen, in welchem sich sein Arbeitsplatz befand, jede Stufe des Treppenhauses vom Erdgeschoß bis hinauf in besagten siebten Stock von den bartbewehrten Kollegen besetzt fand, die ihn, während er an ihnen vorbeistieg, schweigend und vorwurfsvoll anstarrten. Innerlich zunehmend beunruhigt, ob dieser enigmatischen Szene, öffnete Friedlos die Tür zu seinem Büro, nur um dort auf seinem Stuhl den ebenfalls barttragenden Praktikanten Nackenschalk zu erblicken, der inzwischen offensichtlich seinen Aufgabenbereich übernommen hatte. In diesem Moment wachte Friedlos beängstigt in seinem Bett auf und beschloß nach kurzem Nachdenken, nicht etwa, sich einen Vollbart wachsen zu lassen, sondern vielmehr, sich nie wieder im Spätprogramm einen Film von Roman Polanski anzusehen.

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Friedlos war von der Natur in kluger Voraussicht mit sehr großen Füßen ausgestattet worden, da er ansonsten wegen seines ausladenden Bauches nach vorne übergekippt wäre.

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Friedlos soll sich schon zu Lebzeiten das Hemd für seine Beerdigung gekauft und dieses auch wiederholt getragen haben, um zu prüfen, ob es denn bequem passt. Schließlich, so Friedlos zur Begründung, werde er eine ganze Weile in diesem Hemd zubringen müssen.

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Friedlos wäre beinahe der Einstieg in eine Filmkarriere in Hollywood gelungen, denn nachdem er in einem Boulevard-Magazin gelesen hatte, dass George Clooney für seinen neuen Film eine zu hohe Gage gefordert hatte, meldete sich Friedlos bei den verzweifelten Produzenten und bot seine Schauspieldienste allein gegen das Vorrecht an, am Ende eines jeden Drehtages die Reste des Caterings mit nach Hause nehmen zu dürfen. Begeistert schlugen die Produzenten auf diese überraschende Offerte hin ein, doch scheiterte das Filmprojekt dennoch, da Friedlos sich mehr und mehr in die Gestaltung des Drehbuches einmischte und schließlich auch noch ein Mitspracherecht bei der Auswahl seiner Filmpartnerinnen einforderte.

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Friedlos lernte einst eine Frau namens Claudia kennen, doch brach er die Beziehung ab, als diese sich zu vertiefen schien. Handlungsleitend war hier die vorausschauende Phantasie des Friedlos, der sich ausmalte, wie er eines Tages im Sommer mit gemeinsamen Bekannten durch die Geschäftsmeile von Zotenburg schlendern würde, um dann durch die offene Türe einer Damenboutique seine Claudia zu erblicken, woraufhin er freudig erregt ausrufen würde: “Eh, die Claudia!”, was aber im fränkischen Zotenburg jeder als “Eh, die klaut ja!” missverstehen würde. Seine Geliebte würde dann sofort durch die durch diesen warnenden Ruf alarmierte Geschäftsinhaberin ergriffen und bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten werden, um dann schießlich wegen Ladendiebstahls zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Solches Schicksal aber ersparte Friedlos großherzig seiner Claudia und nicht zuletzt auch sich selber.

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Friedlos ging lange Zeit davon aus, dass sein perfektes Äußeres nicht mehr zu steigern sei, bis ihn ein Optiker anläßlich des Erwerbs einer neuen Brille eines Besseren belehrte. Danach wurde Friedlos zu seinem Erstaunen immer wieder von Frauen angesprochen, die ihn nach der Telefonnummer fragten, nämlich nach der Telefonnummer seines Optikers.

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Friedlos soll stets betont haben, dass er seine eigene Gesellschaft gerne meiden würde, so er denn dieses vermöchte.

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Als Friedlos einst maßlos erbost über eine ungerechte Rezension seiner Gedichte durch den Literaturkritiker Freudheuser, von seinem Dichterkumpanen Blanckhohn forderte, ihm den Kopf des Freudheuser auf einem silbernen Tablett zu bringen, fragte ihn Blanckhohn entgeistert, ob er, Friedlos, denn wahnsinnig geworden sei, da es doch offensichtlich für ihn, Blanckhohn, schwierig bis unmöglich sein würde, jetzt und hier ein silbernes Tablett zu besorgen.

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Auf dem Friedlosschen Nachttischchen lag stets griffbereit der Gottfried Benn. Nicht etwa ein Gedichtband des Benn, sondern dessen mumifizierte Leiche selber, die Friedlos in einer wolkenverhangenen Nacht auf dem Berliner Friedhof ausgegraben und zur Tarnung seines Diebstahls gegen die zuvor billig im Internet aus dem Nachlass eines DDR-Kulturmuseums erstandene Mumie des Johannes R. Becher ausgetauscht hatte. So war der große Lyriker und Venerologe stets zur Hand, wenn Friedlos für seine eigenen dichterischen Gehversuche inspirierenden Duft nötig hatte.

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Friedlos soll sich für seinen Grabstein folgenden Sinnspruch gewünscht haben:
“Ich habe keine Vorschläge gemacht. Ihr hättet sie ohnehin nicht angenommen.”

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Friedlos wünschte, dass in seiner Leichenpredigt vom Pfarrer dereinst sein jüdischer Lieblingswitz erzählt wird, der da lautet:
Treffen sich zwei alte Juden im Schtetl. Sagt der eine: “Haste gehört? Der alte Solomo ist heute morgen gestorben.” - “Wirste gehen zu seiner Beerdigung?” - “Nu, wird er kömmen zu meiner Beerdigung?”

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Friedlos mied größere Menschenansammlung, so er nur konnte. Schon wenn eine einzige Person sich im Raum aufhielt, war eine kritische Masse erreicht, so dass er sich unwohl fühlte - und er, Friedlos, war ja bereits eine Person.

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Friedlos verwies, angesprochen auf seine unleserliche, ja geradezu kryptische Schrift, darauf, dass er ursprünglich Frauenarzt werden wollte, dass er aber, nachdem er sich bereits die für den Berufsstand der Ärzte standestypische Handschrift zugelegt hatte, im ersten Praxissemester feststellen musste, dass seine chronisch kalten Hände für diese Tätigkeit ein empfindliches Hindernis darstellten.

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Friedlos war dazu übergegangen, sich täglich eigenhändig zu rasieren, nachdem es ihm über Monate hinweg nicht gelungen war, einen Termin bei dem vielgepriesenen Barbier von Sevilla zu bekommen.

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Friedlos erhielt seit seiner frühen Kindheit eine Rente von der Zotenburger Geburtsklinik, da die Ärzte ihm, als sie ihn mit der Saugglocke holten, den Geruchssinn abgeklemmt hatten. Freilich kam ihm das Abhandengekommensein dieses Sinnes während seiner Studienzeit auch auf andere Weise sehr zu gute, konnte er doch so, ohne Gefahr zu laufen, das Bewußtsein zu verlieren, problemlos die Mensa der Zotenburger Universität frequentieren.

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Friedlos soll in beiden Gehörgängen an einem hartnäckigen juckenden Ekzem gelitten haben, welches über die Jahre bis zum Gehirn durchdrang und so seinen spezifischen, juckreizähnlichen Denkstil prägte.

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Friedlos galt weltweit als der unter Kindern meist gehasste Mann. In allen Kindergärten dieser Erde hing sein Steckbrief, da er als der Mann bekannt war, der Pu den Bären erschossen hatte. Friedlos entschuldigte sich später stets damit, dass er damals nach dem Studium Geld brauchte und der Verband der Berufsimker zahlte gut für den Pelz des notorischen Honigdiebs. Bis zu seinem eigenen Ende bekam Friedlos jährlich zu Weihnachten ein großes Glas mit Qualitätshonig, aber auch unzählige, mit kindlicher Handschrift verfasste Drohbriefe.

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Friedlos, der die seltene Kunst beherrschte, gleichzeitig in Zotenburg und im Gedanken zu weilen, plante kurz vor seinem Ableben, gänzlich in seine Gedanken überzusiedeln. Zumindest die Miete war dort weitaus niedriger als in Zotenburg.

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Friedlos soll nach seinem Studium eine Zeitlang in Hollywood als Galgendouble für den Schauspieler Clint Eastwood gearbeitet haben. Immer wenn es daran ging, dem bekannten Mimen in einem seiner Filme einen Strick um den Hals zu legen, wurde Friedlos hinzugezogen, da die Produzenten befürchteten, Eastwood könne in der Szene ausrutschen und sich tatsächlich das Genick brechen. Und auch wenn Friedlos an Ausdruckstärke sicherlich nicht an Eastwood heranreichte - den Galgenvogel nahm man ihm immer gerne ab.

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Friedlos soll seine Karriere bei der Halsap & Schneider AG als Bildschirmschoner begonnen haben.

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Friedlos hegte von sich selber keine allzu gute Meinung, nahm dies aber nicht zum Anlass, andere Menschen deswegen höher einzuschätzen. Er nannte diese Haltung “konsequente Misanthropie”.

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Friedlos ernährte sich von Wurzeln, Nüssen, Beeren und Pilzen. Im Frühling nahm er auch gerne Vogelnester aus und er verschmähte auch kein zufällig aufgefundenes Aas. Noch kurz vor seinem Ableben begann er, über diese seiner Meinung nach verallgemeinerungswürdige Ernährungsweise ein erfolgsversprechendes Buch mit dem Titel “Die Waschbären-Diät” zu schreiben.

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Friedlos wurde von seinen Zeitgenossen als ein Heinz Erhardt, gefangen im Körper eines George Clooneys beschrieben. Nach Ansicht von Friedlos, verhielt es sich aber eher umgekehrt.

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Friedlos pflegte von sich zu sagen, dass, als er ins Leben geworfen wurde, der Papierkorb wohl nur knapp verfehlt worden sei.

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Friedlos war von seinem Arbeitgeber als Jahresgratifikation zugestanden worden, dass er soviel aus dem Lager an Waren mitnehmen dürfe, wie er mit zwei Armen tragen könne. Also heuerte er am Bahnhofskiosk gegen zwei Sechserpack Bier zwei Arme an und konnte so zur Verblüffung der Halsap & Schneider AG einen Jahresvorrat an doppellagigem Toilettenpapier ergattern.

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Friedlos soll auf seine Umgebung die deprimierende Wirkung eines Ingmar Bergman-Films ausgeübt haben.

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Friedlos soll auf seine Umgebung einen starken Würgereiz ausgeübt haben. Jeder, der näheren Umgang mit ihm hatte, verspürte den Drang, ihn zu erwürgen.

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Friedlos zog einst einen aus der Bruthöhle gefallen Steinkauz auf, also das Wahrzeichen der Pallas Athene, da er in diesem antiken Symbol der Weisheit einen passenden Gefährten für einen Homme de lettres wie sich sah. Wenn er dann diese Eule auf seiner Schulter nicht etwa nach Athen, sondern durch Zotenburg trug, so drehten sich die Leute oft um und fragten einander: “Hast du den komischen Kauz gesehen?” - “Ja, und dann erst diese Eule auf seiner Schulter!”

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Friedlos wurde einst von einem Kritiker gefragt: “’Friedlos’ - ist das nicht ein jüdischer Name?” Darauf antwortete der Dichter: “Weiß ich nicht. Muss ich meinen Rabbi fragen.”

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Friedlos soll auf die Frage, wo er denn eigentlich herkomme, stets geantwortet haben: “Von dort drüben.”

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Friedlos, der um  seine Wirkung auf seine Mitmenschen wusste, betrat jeden Raum mit den Worten “Fürchtet Euch nicht!”

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Friedlos, der in seinem Leben so ziemlich jedem Spleen der Zeiten seine Zeit gewährte, verschliess in seiner freudianischen Phase insgesamt drei Psychoanalytiker: Der erste beging nach der fünften Sitzung Selbstmord, der zweite verkauft heute Brötchen bei einer bekannten Schnellrestaurantkette und der dritte wanderte nach Nordkorea aus.

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Friedlos soll testamentarisch verfügt haben, dass sein Schädel nach seinem Ableben dem Fundus des Zotenburger Schauspielhauses zu übergeben sei, damit sein Charakterkopf fürderhin in Aufführungen des “Hamlet” als Requisit in der Rolle des Yorick diene.

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Friedlos soll sich zu seiner eigenen Verwunderung mit zunehmendem Alter immer ähnlicher geworden sein.

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Friedlos soll einst während  einer längeren Zugreise einem ihm gegenübersitzenden kabbalistischen Wunderrabbi  stundenlang alte jüdische Witze erzählt haben, die dieser natürlich alle schon  kannte. Da sprach der gelangweilte Rabbi einen bedenklichen Fluch gegen Friedlos aus: "Möge  Dir in einem unpassenden Moment der Kopf abfallen!" Fortan beobachtete  Friedlos sich beim Zubinden der Schuhe und beim Waschen der Haare immer extrem  konzentriert und dachte außerdem viel über das Problem nach, ob einem der Kopf  auch in einem passenden Moment abfallen könne.

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Dem Friedlos soll von einer Zigeunerin prophezeit worden sein, dass er früh sterben werde, und tatsächlich starb er am frühen Vormittag.

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Als Friedlos vorgehalten wurde, dass er bei einem für den Vortag anberaumten Treffen nicht da gewesen sei, antwortete Friedlos, dass er schon da gewesen sei, nur leider nicht dort.

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Friedlos soll für sein Alter relativ jung gewesen sein.

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Friedlos, der dem ungebrochenen Hunger seiner Mitmenschen nach stetiger Aktion von Herzen abgeneigt war, musste eines Tages erleben, dass ein zufällig an seiner Person vorbeigeführter Leichensuchhund bei ihm anschlug.

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Friedlos soll kopfschüttelnd den bekannten Satz Walter Benjamins "Wenn einer Charakter hat, so hat er kein Schicksal." zitiert haben, als er einst im Großraumbüro der Halsap & Schneider AG Augenzeuge eines tragischen Zwischenfalls zwischen seinen Kollegen Cloetenburger und Struntzendorf wurde, die beide seit Jahren in einer herzlichen Feindschaft verbunden waren. Die Tragödie nahm ihren Lauf als Cloetenburger an einem sonnigen Herbstnachmittag beiläufig äußerte, dass heute ausgesprochen schönes Wetter herrsche. Struntzendorf erwiderte barsch, dass das Wetter noch nie so scheußlich gewesen wäre, wie an diesem Novembertag und fragte mit oberlehrerhafter Stimme ob Cloetenburger überhaupt schon einmal etwas vom Klimawandel gehört hätte. So gab ein Wort das andere und schließlich begann Cloetenburger Struntzendorf mit einer Klaviersaite zu erdrosseln, die er zu eben diesem Zweck schon seit Jahren in seiner Aktentasche bereithielt. Die letzten Worte Struntzendorfs besagten, dass Cloetenburger dies völlig falsch anginge, dass er nämlich die Schlinge viel höher ansetzen müsse und dass er vor allem die Schlinge viel kräftiger zuziehen müs...

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Friedlos soll stets betont haben, dass sich in seinem Leben Pech und Unglück immer exakt die Waage hielten.

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Friedlos war in seinem Wesen durch einen solchen Mangel an Vitalität geprägt, dass er es im Sommer vermied, sich im Stadtpark von Zotenburg auf den dafür von der städtischen Parkverwaltung großzügig vorgesehenen Liegewiesen ebenerdig auszustrecken, da er befürchtete, sich anschließend einer langdauernden medizinischen Behandlung gegen Regenwurmbefall unterziehen zu müssen.

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Friedlos soll während seines Studiums für zwei Wochen in einem skandinavischen Möbelhaus gejobbt haben, wobei er in dieser Zeit kostenlos in der unternehmenseigenen Kantine mit den verschiedensten Variationen von köstlich zubereiteten Elchhoden versorgt wurde. Nach dieser langen Reihe von gebratenen, geschmorrten, gedünsteten und überbackenen Paarhufertestikeln war Friedlos auf den Geschmack gekommen und scheute fortan keine Kosten noch Mühen um sich einen jährlichen Urlaub in Norwegen zu finanzieren, in welchem er durch die einsamen nordischen Wälder streifte, um willige Elchkühe zu finden, mit denen er dann ausgiebig knutschen konnte.

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Friedlos soll bei der Durchführung seiner morgendlichen Nassrasur immer mit äußerster Vorsicht vorgegangen sein, da er einst geträumt hatte, er hätte sich beim Rasieren versehentlich die Kehle durchgeschnitten, woraufhin sein Verleger, um den Absatz der ladenhütenden Restauflage der Friedlosschen Werke zu fördern - ja gar, um einen neuen literarischen Klassiker aus der blutgen Taufe zu heben, die Mär verbreitete, Friedlos habe Suizid begangen.

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Friedlos soll während seines Studiums als Erdbeerschlachter bei einem großen Joghurthersteller gearbeitet haben. Nach wenigen Monaten klebte das Blut von tausenden Erdbeeren an seinen Händen und noch Jahrzehnte später soll er beim Betreten der Obst- und Gemüseabteilung von Lebensmittelmärkten das beängstigende Gefühl gehabt haben, als würden sich die winzigen Nüsschen auf der Oberfläche der dort ausgestellten Erdbeeren in hunderte giftig-grün und vorwurfsvoll blickende Augen verwandeln, deren stillen Anwürfen er sich eiligen Schrittes zu entziehen suchte.

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